Von links nach rechts: Stadtarchivarin Dr. Astrid Krüger, Oberbürgermeister Alexander W. Hetjes, Dr. Andrea Pühringer, Prof. Dr. Holger Th. Gräf, Sarah Griwatz und Kerstin Lorenz

Annoncen als Quellen der Kurstadtgeschichte

Neues LAGIS-Modul erschließt über 96.000 Anzeigen aus den Homburger Kur- und Badelisten

Am 11. August 2026 wurde im Stadtarchiv Bad Homburg das neue LAGIS-Modul „Homburger Annoncen“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Die in Kooperation zwischen dem Stadtarchiv Bad Homburg und dem Hessischen Institut für Landesgeschichte entstandene Datenbank macht inzwischen mehr als 96.000 historische Anzeigen aus den Homburger Kur- und Badelisten digital recherchierbar.

Die Kur- und Badelisten erschienen von 1834 bis 1918 und sind vor allem als Verzeichnisse der in Bad Homburg anwesenden Kurgäste bekannt. Ab 1850 enthielten sie zunehmend auch Anzeigen von Hotels, Geschäften, Dienstleistungsbetrieben und Privatpersonen. Die Annoncen warben für Unterkünfte, Waren, gastronomische Angebote und Veranstaltungen. Sie dienten zugleich der Suche nach Arbeitskräften und der Veröffentlichung von Stellengesuchen. Auch verlorene Gegenstände wurden auf diesem Weg gemeldet. Als historische Quellen eröffnen sie vielfältige Einblicke in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Kurstadt.

Oberbürgermeister Alexander Hetjes begrüßte die Gäste und würdigte die neue Datenbank als wichtigen Baustein der digitalen Angebote zur Geschichte Bad Homburgs. Anschließend führte die Historikerin Dr. Andrea Pühringer in die Homburger Kur- und Badelisten als historische Quelle ein. Sie zeigte, wie sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in den überlieferten Gästezahlen widerspiegeln. Besonders deutlich wird dies etwa nach dem Eisenbahnanschluss Bad Homburgs im Jahr 1861, der die Anreise erheblich erleichterte und zu einem starken Anstieg der Gästezahlen beitrug.

Die Historikerinnen Kerstin Lorenz und Sarah Griwatz, die für die Erfassung und inhaltliche Erschließung der Anzeigen verantwortlich sind, stellten anschließend das neue Modul und seine Recherchefunktionen vor. Bislang wurden rund 75 Prozent der zu bearbeitenden Jahrgänge erschlossen. Der aktuelle Bestand umfasst 96.460 Annoncen mit Adressangaben aus rund 400 Orten. Die Anzeigen sind sieben übergeordneten Kategorien und acht Sprachen zugeordnet. Hinzu kommen über 2.000 Sachbegriffe – von „Abdichtung“ bis „Zwieback“. Sie orientieren sich an der Gemeinsamen Normdatei (GND) und ermöglichen eine einheitliche Erschließung vergleichbarer Inhalte.

Die neue, im Januar 2026 freigeschaltete LAGIS-Oberfläche eröffnet unterschiedliche Wege durch den umfangreichen Bestand. Über das freie Suchfeld lässt sich gezielt nach Namen, Orten oder Waren suchen. Die erweiterte Suche und verschiedene Filter ermöglichen es, die Ergebnisse nach Zeitraum, Region, Kategorie, Sprache oder Illustrationen einzugrenzen. Zugleich bleibt jede Annonce mit dem Digitalisat ihrer ursprünglichen Seite verbunden. So kann sie im Umfeld weiterer Anzeigen betrachtet, in ihrer Überlieferung überprüft und dauerhaft zitiert werden. Wie aus einer einfachen Suchanfrage eine historische Spurensuche entstehen kann, zeigte Kerstin Lorenz am Beispiel „Wein“. Unter den zahlreichen Treffern wählte sie eine Anzeige von „M. Schmidt’s Wein-Lager“ aus dem Jahr 1876 aus. Von diesem einzelnen Inserat aus ließ sich die Tätigkeit der Homburger Weinhandlung über mehrere Jahrzehnte verfolgen. Der Vergleich ihrer Anzeigen macht sichtbar, wie sich das Sortiment, die hervorgehobenen Herkunftsregionen und Marken sowie die werblichen Vorstellungen von Qualität, Genuss und gesellschaftlichem Status im Laufe der Zeit veränderten. Zugleich führt er über das konkrete Geschäft hinaus: Die Anzeigen eröffnen Fragen nach Handelsbeziehungen, Konsumgewohnheiten und den Formen, in denen sich Unternehmen gegenüber ihrem Publikum präsentierten. Damit wird aus einer einzelnen Annonce ein möglicher Ausgangspunkt für unternehmens-, handels- und konsumgeschichtliche Untersuchungen.

Dass die Datenbank auch unerwartete Zugänge zur Kurstadtgeschichte eröffnet, verdeutlichte der Blick in das alphabetische Sachregister. Der Begriff „Stellengesuch“ führt zu fast 2.000 Anzeigen. Eine davon wurde 1851 von einer Frau aus einer, wie es in der Quelle heißt, „achtbaren Familie“ aufgegeben. Sie suchte eine Stelle als Gesellschafterin und erklärte, eine freundliche Behandlung sei ihr wichtiger als ein hohes Gehalt. Bei häuslichen Arbeiten wolle sie ebenfalls helfen. In wenigen Zeilen werden Erwartungen an Arbeit, Entlohnung und persönliche Behandlung sichtbar. Solche Stellengesuche geben Aufschluss über soziale Abhängigkeiten und individuelle Handlungsspielräume. Zugleich rücken sie Menschen in den Blick, die in den Gästelisten kaum vorkommen. Die Annoncen erschließen damit auch die Gesellschaft hinter dem repräsentativen Kurbetrieb.

Anschließend weitete Sarah Griwatz den Blick von einzelnen Fundstücken auf den Gesamtbestand. Mithilfe von Diagrammen und Karten lassen sich zeitliche Entwicklungen, die Herkunftsorte der Inserenten sowie die Verteilung von Kategorien, Sprachen und Sachbegriffen untersuchen. Die Visualisierungen machen dabei Muster sichtbar, die in der Lektüre einzelner Anzeigen leicht verborgen bleiben: Diagramme können etwa zeigen, wann bestimmte Warengruppen, Dienstleistungen oder Veranstaltungsangebote besonders häufig beworben wurden und wie sich ihre Präsenz über die Jahrzehnte veränderte. Karten veranschaulichen dagegen die räumliche Reichweite des Anzeigenmarktes, indem sie Herkunftsorte bündeln und regionale Schwerpunkte sowie internationale Verbindungen erkennbar machen. Auf diese Weise dienen sie nicht nur der übersichtlichen Darstellung großer Datenmengen, sondern unterstützen auch die Entwicklung neuer Forschungsfragen. Sie lassen sich als Ausgangspunkt nutzen, um auffällige zeitliche Veränderungen, Verschiebungen im Angebot oder die Beziehungen zwischen Herkunftsorten und beworbenen Produkten anschließend anhand einzelner Annoncen genauer zu untersuchen. Dabei reichen die in den Kur- und Badelisten beworbenen Waren und Vergnügungen weit über Bad Homburg hinaus. Eine Anzeige der Liebig Compagnie führt etwa nach Fray Bentos in Uruguay, wo Fleischextrakt für den europäischen Markt produziert wurde. Eine englischsprachige Ankündigung aus dem Jahr 1877 wiederum wirbt für den Auftritt eines Flohzirkus. Beide Beispiele veranschaulichen auf unterschiedliche Weise, wie international das Angebot der Kurstadt ausgerichtet war: Globale Warenströme trafen hier auf ein mehrsprachiges Publikum und ein vielfältiges Unterhaltungsangebot. Das neue Modul führt die bislang über zahlreiche Jahrgänge und Seiten verstreuten Anzeigen erstmals zu einem eigenständig recherchierbaren Quellenbestand zusammen. Es lädt zum Erkunden der Bad Homburger Stadt- und Kurgeschichte ein und schafft neue Grundlagen für Forschungen zur Wirtschafts-, Konsum-, Sozial-, Arbeits- und Geschlechtergeschichte. Die Erschließung ist noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Monaten wird die Datenbank um weitere Jahrgänge und Datensätze ergänzt. Das LAGIS-Modul „Homburger Annoncen“Öffnet sich in einem neuen Fenster ist frei zugänglich.

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