Wigand Gerstenberg, Stadtbrand in Frankenberg 1476, UB/LMB Kassel, 4° Ms. Hass. 26, fol. 31v

Ein kritischer Blick nach 550 Jahren auf den Brand von Frankenberg und seine Überlieferung

Prof. Dr. Ulrich Ritzerfeld blickte auf die Brandkatastrophe von 1476 und ihre einzigartige Überlieferung durch den Chronisten Wigand Gerstenberg, der das Ereignis als Zeitzeuge miterlebt hatte. Mit seiner 25 Jahre nach dem Brand verfassten Reportage wollte Gerstenberg die Solidarität der Stadtgemeinde beschwören und durch die dramatische Schilderung die drückende Steuerlast lindern.

Wie in fast allen historischen Städten gab es auch in Frankenberg an der EderÖffnet sich in einem neuen Fenster zahlreiche Katastrophen wie Überschwemmungen, Brände, Seuchen oder Hungersnöte. Warum aber ist gerade der Stadtbrand von 1476 so bedeutend, dass er sich schon früh wie kein anderes Ereignis im Bewusstsein der Stadtöffentlichkeit verankert hat?

Die Schilderung bei Wigand GerstenbergÖffnet sich in einem neuen Fenster (1457–1522) ist an Dramatik kaum zu überbieten: Die Glocke schlug ein Uhr mittags, als am Donnerstag, dem 9. Mai des heißen und trockenen Jahres 1476 im Zentrum von Frankenberg ein Feuer ausbrach, das über Stunden wütete. Fast alle Gebäude der Alt- und Neustadt waren betroffen und wurden offenbar in Asche gelegt. Gerstenberg war selbst Augenzeuge der Katastrophe. Eine zugehörige Illustration hält den Höhepunkt des Brandes fest: Die ganze Stadt ist erfasst, Menschen oder Tiere sind nicht zu sehen, aus allen Häusern lodern züngelnde hellgelbe und rote Flammen, nur noch schemenhaft kann man Wohnhäuser und Kirchen erkennen, auch Türme der Umfassungsmauer sind schon betroffen, ein Entrinnen aus dem Inferno scheint unmöglich.

Das Unglück war von einem schiefergedeckten Eckhaus in der Mittelgasse/Schmiedegasse am Untermarkt ausgegangen. Ungünstiger Wind aus dem Edertal, fehlendes Löschmaterial und der Mangel an Helfern, die zur Zeit des Ausbruchs ihre Felder vor der Stadt bestellten, begünstigten die rasche Ausbreitung des Feuers, das bei starkem Funkenflug schnell die meist strohgedeckten Dächer erreichte. Zunächst versuchten Frauen, Mägde und Kinder mit Wasser aus der Eder, dem Teich am Kloster Georgenberg und den Brunnen im Zentrum gegen die Ausbreitung vorzugehen, doch trotz aller Leute, die herbeieilten und zur Unterstützung auch aus den Nachbardörfern kamen, konnte ein Ausgreifen auf nahezu alle Gassen nicht verhindert werden. Zusammengestürzte Häuser erschwerten die Rettungsarbeiten. Das Rathaus mit sämtlichen Urkunden und Rechtsbüchern wurde durch die Explosion der hier lagernden Pulvervorräte und Waffen zerstört. Die Flammen erfassten die Pfarrkirche mit der Marienkapelle, deren bleigedeckte Dächer und Glocken durch die Hitze schmolzen. Bald sprang das Feuer auf die Neustadt über und vernichtete hier bis auf drei oder vier Häuser im Südwesten vor der Niederpforte nahezu alle Wohn- und Nutzgebäude, die Kapelle St. Johannis, das Hospital und die Pfeffermühle. Unversehrt blieben in der Altstadt lediglich Häuser im Norden und Osten. Keinen Schaden nahmen die Heidekirche und die Eingangspforten zum Innenstadtbereich.

Kaum weniger dramatisch als das Feuer selbst schildert Gerstenberg Not und Elend der Frankenberger unmittelbar danach. Zunächst mussten sie in notdürftigen Unterkünften mit primitiven Feuerstellen leben. Zahlreiche junge Menschen zogen weg. Es folgte ein harter Winter, in dem Vieh und viele Menschen an den Folgen von Rauchvergiftungen starben. Entsagungsvoll war auch der zunächst provisorische Wiederaufbau der Stadt, in den die landwirtschaftlichen Erträge flossen. So mussten Schafe und anderes Vieh zur Entlohnung der Zimmerleute verkauft und Stroh zur Deckung der Häuser verwendet werden.

Den Neubeginn in Frankenberg nach dem Brand von 1476 lässt der Chronist in einem detailreichen Bild festhalten, während sein Text zu diesem Thema eher knapp ausfällt. Den ausführlichen Schilderungen des Unglücks folgen verhältnismäßig kurze Bemerkungen zum Wiederaufbau, der vor allem von den Bewohnern der zerstörten Stadt über die Erträge aus ihrer Landwirtschaft finanziert wurde.

Fragt man nach den Motiven Gerstenbergs für seine ausführliche Reportage, so könnte man durchaus vermuten, die Stadt habe sich den Zorn Gottes zugezogen. Doch hierfür finden sich keinerlei Hinweise. Viel wichtiger ist dem Chronisten der Gemeinsinn, der sich in der größten Katastrophe findet und bewährt. „Wohlfahrt und Friede werden nach Gerstenberg erreicht im Zusammenstehen aller Bürger, in der Solidarität der Gemeinde“ (Gerhard Fouquet). Oder, um es mit Wigand Gerstenberg selbst auszudrücken: Uff das man nu moge wissen, wy vor altin jaren sussse selige stedde Franckenberg durch den gemeynen nottz in grosse ere unde in hirlichin richdom gekommen gestanden unde gewest ist. […]

Die nachhaltigste Konsequenz des Brandes 1476 war der Aufbau einer Wasserkunst von der ausgebauten alten Niedermühle aus, wodurch die Altstadt mit Wasser versorgt werden konnte. 1524 verordnete Landgraf Philipp von Hessen, dass seine Städte aus Gründen der Feuergefahr so viele Scheunen wie möglich aus dem Stadtgebiet entfernen sollten. „Wo dies aber nicht bequem sei, man solches unterlassen.“

Bereits 1556 sagte die Stadt Frankenberg den Strohdächern den Kampf an und verkündete unter der Glocke, dass zukünftig alle Bürger, die ihre Dächer mit Ziegeln decken ließen, die vierte Ziegel von der Stadt erhalten sollte, was faktisch einen 25 % Zuschuss bedeutete.

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