James Duffield Harding, Balayeurs à Paris, 1845

Hessische Straßenkehrer in Paris

Im 19. Jahrhundert war die Straßenreinigung der französischen Hauptstadt fest in den Händen oberhessischer Einwanderer.

Auf der Weltausstellung in Paris 1867 wurden den staunenden Besucherinnen und Besuchern nicht nur Neuigkeiten wie ein hydraulischer Fahrstuhl oder Stahlbeton präsentiert, es erschien auch ein zweibändiger „Paris Guide“, der detailliert zeigen sollte, was den Charakter der Stadt ausmachte. Neben den erwartbaren Berichten über Kunst und Kultur wurden die Leserinnen und Leser auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das den meisten von ihnen vermutlich verborgen blieb und dennoch bedeutend war für das Erscheinungsbild der Stadt: die oberhessischen Straßenkehrer.

„Tausende von Deutschen“ stünden mitten in der Nacht auf, „um für die Morgentoilette [der] Stadt zu sorgen“, schrieb der Bankier und Politiker Ludwig BambergerÖffnet sich in einem neuen Fenster (1823–1899), der im „Paris Guide“ den Beitrag über „Die deutsche Kolonie in Paris“ zu verantworten hatte. Sie seien eine „sonderbare Erscheinung“ gewesen. Die Männer trügen „winters einen Rock von Hundsfell, die Frauen und Kinder – denn auch Frauen und Kinder sind unter der Schar – alte zerlumpte Kattunkleider und rot- oder grünwollene Tücher um den Kopf gebunden.“ „Jämmerlich“ und „recht unglücklich“ würden sie aussehen.

Vor allem seit den 1840er Jahren zwang die wirtschaftliche Not im Großherzogtum Hessen immer mehr Menschen zur Auswanderung. In Paris boten sich aufgrund der enormen städtebaulichen Umgestaltung der Stadt und dem entsprechenden Bedarf an Arbeitskräften auch für ungelernte Immigranten relativ gute Arbeitsmöglichkeiten. Die Hessen fanden ihre Nische in der Stadtreinigung und wurden dafür bevorzugt von der Pariser Stadtverwaltung eingestellt. Straßenkehren war in Paris nicht wie in anderen Städten nur eine Aufgabe für diejenigen, die nicht in der Lage waren andere, schwerere Arbeiten auszuführen.

Im Gegensatz zu den meisten Auswanderern planten die Hessen jedoch nicht, dauerhaft ihre Heimat zu verlassen. „Ihr Streben geht einzig darauf aus, sich ein Sümmchen zusammenzusparen und heimzuziehen,“ so Bamberger. Tatsächlich gelang es wohl auch Vielen trotz der geringen Löhne, kleine Summen anzusparen, die später die Rückkehr in die alte Heimat ermöglichten. „Sehr selten schlagen sie Wurzel in Paris; wer nicht nach wenigen Monaten stirbt — und es herrscht eine große Sterblichkeit in ihren Reihen — kehrt mit dem kleinen Hort nach Hause zurück.“

Der Wunsch nach Rückkehr hatte Konsequenzen für das Leben in Paris: Es gab kaum Integration in die französische Gesellschaft, man heiratete untereinander, sprach kein Französisch, die Kinder gingen auf extra für sie gegründete deutsche Schulen (für die die hessen-darmstädtischen Lehrpläne galten), neu geschaffene lutherische Kirchengemeinden übernahmen die Seelsorge. „Sie leben so vollständig für sich, daß sie keinerlei anderen Umgang haben, selbst nicht mit den übrigen Landsleuten, und wohnen zu vielen Familien in großen Häusern zusammengedrängt, die sie ‚deutsche Höfe‘ nennen,“ beschrieb Bamberger ihre Lage. Neu Zugereiste hatten damit den Vorteil, auf ein bestehendes Netzwerk und bereits vorhandene „hessische“ Strukturen zurückgreifen zu können, die das Ankommen und Leben in der fremden Stadt erleichterten und halfen, Arbeit und Unterkunft zu finden. Es entstand eine enge Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützte.

Die Verbindung in die Heimat ging nicht nur von den Emigranten aus, auch aus Hessen gab es immer wieder Unterstützung für die „hessischen Landsleute“. So fanden regelmäßig Kollekten statt, um die hessischen Kirchengemeinden in Paris zu unterstützen. Der Pariser Pfarrer Mast ging davon aus, dass 1869 etwa 7.000 Hessen in der französischen Hauptstadt lebten (die Zahlen sind unklar, Bamberger nennt 3.000), allein für das Jahr 1867 verzeichnete er 334 Taufen und 133 Trauungen. Drei hessische Kirchspiele bestanden zu dem Zeitpunkt bereits in Paris, die Einrichtung eines vierten sei ein „schreiendes Bedürfnis“, wie er in einem Spendenaufruf im Gießener Anzeiger schrieb.

Die relativ hohe Zahl der Eheschließungen war auch darin begründet, dass im Großherzogtum die Heiratswilligen ihre finanzielle Unabhängigkeit nachweisen mussten, um eine Heiratserlaubnis zu erlangen. In Paris gab es jedoch keine entsprechenden Einschränkungen und die dort geschlossenen Ehen wurden auch in Hessen anerkannt. Bamberger vermutete, dass ein Grund für die Auswanderung war, „sich der Schmach ihrer ungesetzlichen Vereinigung zu entziehen, ja oft genug sogar, um ihrem Bunde in der Fremde die Weihe geben zu lassen, welche das Vaterland ihnen versagte.“ Entsprechend seien dann „die armen Eltern mit ihrer kleinen wilden Horde hierher [gekommen], nicht selten mit sechs, sieben Kindern.“ Im Gegensatz zu anderen Wanderungsprozessen war es tatsächlich ungewöhnlich, dass oftmals Paare oder ganze Familienverbände gemeinsam auswanderten. Damit ergab sich jedoch ein weiterer Vorteil, nämlich die Möglichkeit der Kinderbetreuung, so dass beide Elternteile arbeiten konnten.

Die Lage der hessischen Immigranten in Paris änderte sich schlagartig mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Ein Großteil der Deutschen musste das Land verlassen, nur die Ärmsten der Armen, die sich die Rückreise nicht leisten konnten, blieben in der Stadt. Zwar kehrten nach dem Krieg auch Hessen wieder zurück nach Paris, aber nicht mehr in den Zahlen wie vorher. Als schließlich 1895 ein Gesetz erlassen wurde, dass nur noch Franzosen im öffentlichen Dienst arbeiten durften, endete damit endgültig die Zeit der hessischen Straßenkehrer in Paris.

 

Quellen und Literatur:

Ludwig Bamberger, Die deutsche Kolonie Paris (1867), in: Ders., Gesammelte Schriften, Bd. 1, Berlin 1913, Nachdruck 2020, S. 221-232

Anordnung des Großherzogs von Hessen vom 14. März 1867, HStAD Bestand R 1 B Nr. 35316Öffnet sich in einem neuen Fenster

Spendenaufruf, Gießener Anzeiger vom 18.3.1869Öffnet sich in einem neuen Fenster

Mareike König, Brüche als gestaltendes Element: Die Deutschen in Paris im 19, Jahrhundert, in: Mareike König (Hrsg.), Deutsche Handwerker, Arbeiter und Dienstmädchen in Paris. Eine vergessene Migration im 19. Jahrhundert, München 2003, S. 9-26Öffnet sich in einem neuen Fenster

Barry M. Ratcliffe, Imaged Places/Imagined Spaces in Mid-Nineteenth Century Paris, in: Alan Sears (Hrsg.), Urban places, urban pleasures, Windsor 2002, S. 94-106

Schlagworte zum Thema