Dr. Lutz Vogel bei seinem Vortrag im Staatsarchiv Marburg

„Machtergreifung“ in bewegten Bildern: Ein Amateurfilm aus Marburg der Jahre 1933/34

Im Frühjahr 2025 erhielt das Staatsarchiv Marburg einen bislang unbekannten Amateurfilm aus den Jahren 1933/34 geschenkt. Der Film wurde in den Bestand übernommen, digitalisiert und am 4. Dezember 2025 durch Dr. Lutz Vogel vom HIL der Öffentlichkeit vorgestellt.

Allein die Geschichte der Provenienz des 16-mm-Stummfilms ist spannend: Vor mehr als 25 Jahren recherchierte ein Mann aus Bad Laasphe nach Aufnahmen der NS-„Wochenschau“ eines bestimmten Zeitraums. Aus Feldpostbriefen seines Vaters wusste er, dass dessen Einheit gefilmt worden war. Er konnte somit die Zeit eingrenzen und machte sich damit auf die Suche. In Siegen wurde er fündig, konnte mehrere „Wochenschau“-Filmrollen erwerben – und in diesem Gesamtpaket befand sich auch eine Filmrolle mit der Aufschrift „1933. Mbg. im Zeichen der nationalen Erhebung“.

2025 wollte er sich von den Materialien trennen und sprach deshalb das Marburger Staatsarchiv an, das den Film in seinen Bestand übernahm und digitalisierte (siehe HStAM, Sammlung 11 b Nr. 18Öffnet sich in einem neuen Fenster). In einer Kooperation von Staatsarchiv, Marburger Geschichtsverein und HIL wurde der Film am 4. Dezember 2025 im Landgrafensaal des Staatsarchivs im Rahmen der Vortragsreihe des Geschichtsvereins vorgeführt. Die fachliche Einordnung, die Identifizierung der Bildinhalte sowie die Kontextualisierung der zu sehenden Szenerien übernahm Dr. Lutz Vogel vom HIL.

Die insgesamt drei Szenen, die der etwa vierminütige Film zeigt, sind im März 1933 sowie anlässlich der Maifeiertage 1933 und 1934 aufgenommen worden. Zu welchem Zweck die Aufnahmen entstanden, wer sie gemacht oder beauftragt hat, ist bislang nicht zu klären, ebenso wie die Frage, ob und wenn ja in welchem Rahmen der Film aufgeführt wurde. Was aber zu klären war, sind die Inhalte: Im ersten Abschnitt wird das Hissen der Reichs- und Hakenkreuzflaggen im März 1933 dokumentiert. Hier wurden verschiedene markante Bauwerke im Stadtzentrum gefilmt, die ab dem 8. März beflaggt worden waren. Verifiziert wurde die Datierung unter anderem durch die KI-gestützte Analyse eines Schattenwurfs am Marburger Schloss. Im zweiten Abschnitt wird der Abschluss des Umzugs durch die Stadt anlässlich des durch die Nationalsozialisten zum Feiertag (1934 sogar zum Nationalfeiertag) gemachten 1. Mai 1933. Auch hier konnten die Aufnahmen anhand der Lokalpresse und Sekundärliteratur verifiziert werden. Die Aufnahmen vom 1. Mai 1934 zeigen wiederum den – nun im Vergleich zu 1933 deutlich opulenter ausgestalteten – Umzug durch die Stadt, in dessen Rahmen unter anderem auch Motivwagen verschiedener NS-Organisationen sowie ortsansässiger Firmen mitfuhren. Gefilmt wurde hier im Stadtteil Weidenhausen.

In Summe liegt mit dem Film eine neue wichtige Quelle zum Nationalsozialismus in Marburg vor. Nicht zuletzt die große Resonanz, die der Vortrag fand, spiegelt auch das Interesse an diesem Thema wider. Die im Rahmen des Vortrages entstandenen Materialien (Identifizierung der Inhalte beziehungsweise Standorte der Kamera) wurden nach dem Vortrag dem Archiv zur Verfügung gestellt.

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