Historisches Ortslexikon, die Verbreitung der Ortsnamen, die auf rode enden, dargestellt in einer Heatmap

Wie man Orts- und Flurnamen im digitalen Zeitalter erschließen kann

Vom 28. bis zum 30. September 2026 nahmen Stefan Aumann und Ulrich Ritzerfeld an einer internationalen Tagung der Universität Bremen zur Namenforschung (Onomastik) teil und hielten Vorträge zu den Möglichkeiten, die LAGIS für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Orts- und Flurnamen bietet.

Lange Zeit schien die Onomastik in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft ein randständiges Thema geworden zu sein, verbunden mit überholten Methoden und Ressourcen sowie nicht immer aktuellen Publikations- und Zugriffsmöglichkeiten. Die von Barbara Aehnlich, Andreas Jäger, Anna Mattfeldt und Andreas Rothenhöfer an der Universität Bremen organisierte dreitägige Veranstaltung vermochte vom Gegenteil zu überzeugen: Das Themenspektrum der auch von Studierenden gut besuchten Tagung reichte von Produktnamen und -logos über Datenarchäologie und Familiennamengeografie, Herausforderungen der Gebärdensprach-Toponomastik, mittelalterlichen Personennamen Schwedens bis hin zu einem digitalen Namenprojekt zu Hannoveraner Pferden. Klassische Themenfelder der Onomastik, wie Orts-, Flur und Personennamen oder der Web-basierte Umgang mit Toponymen wurden in mehreren Beiträgen aufgegriffen. Referentinnen und Referenten aus Lettland, Österreich, Schweden, der Schweiz und der Slowakei standen und stehen für ein reges auch internationales Interesse an der Namenforschung. Die engagierten Diskussionen im Anschluss an die Vorträge zeugten in der Regel von Zustimmung und gaben wertvolle Anregungen.


Die Vertreter des HIL stellten die Möglichkeiten und Perspektiven vor, die LAGIS im Bereich der Onomastik bietet. Dabei ging es sowohl um „das Hessische Ortslexikon als Grundlage einer modernen Onomastik“ (Ulrich Ritzerfeld) als auch um „Wege zur Lokalisierung Hessischer Flurnamen“ (Stefan Aumann).
Das Historische Ortslexikon bietet für über 13.000 Siedlungsplätze in Hessen eine eindeutige Identifizierung und dokumentiert unter Angabe der Quellenbelege deren etymologische Namensentwicklung in den wichtigsten Schritten bis zur Gegenwart. Der Fundus dieser Belege lässt sich nun in einem ersten bereits aktivierten Schritt nach Ortsnamenendungen durchsuchen. Sucht man im Ortslexikon unter der erweiterten Suche „Ortsname endet auf“ nach Siedlungsnamen, die auf „-mar“ enden, so erhält man 22 Treffer für Hessen. Diese kann man sich als Liste oder in der Karte darstellen lassen. Kombinierte Anfragen sind wie immer möglich. Die Endung „rad, rade, rod, roda oder rode“ findet sich gleich in 537 Ortsnamen. Eine ähnliche Vorgehensweise ist für die Bestimmungswörter (Anfänge) von Siedlungsnamen möglich. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass in LAGIS auf computative Wünsche oder Anforderungen eingegangen werden kann. Die Diskussion zeigte, dass hieran Interesse besteht.
Stefan Aumann stellte in seinem Beitrag die verschiedenen Möglichkeiten vor, Flurnamen in Hessen zu lokalisieren. Bot die von einer Arbeitsgruppe unter der Leitung des Gießener Germanisten Professor Hans Ramge erarbeitete, über LAGIS recherchierbare Flurnamendatenbank lange Zeit allein die Möglichkeit der Lokalisierung auf den Mittelpunkt der jeweiligen Ortsgemarkung, so wurden in jüngerer Zeit verstärkte Anstrengungen unternommen, die Flurnamen exakt zu verorten. Dazu waren die im Flurnamenarchiv des HIL überlieferten Lagekarten der sogenannten Amtlichen Sammlung mit den zugehörigen Erfassungslisten digitalisiert und aufbereitet worden. Ergänzt wurde der Bestand durch rund 190.000 automatisiert aus dem modernen Liegenschaftskataster (ALKIS) extrahierte – und damit ebenfalls in ihrer Lage bestimmbare – Flurnamen. Für die Informationsintegration – die Zusammenführung der rund 750.000 Belege aus der Flurnamendatenbank mit den Punktkoordinaten aus ALKIS und der Amtlichen Sammlung – hatte das HIL mit Marlon Benedikt George einen Absolventen des Masterstudiengangs Cultural Data Studies am Marburg Center for Digital Culture and Infrastructure (MCDCI) gewinnen können (siehe auch den Bericht in der Newsletter-Ausgabe vom Februar 2026). In der sich an den Vortrag von Herrn Aumann anschließenden Diskussion wurden der Grad der Erschließung Hessischer Flurnamen, die Form der Aufbereitung wie auch die Gestaltung der Recherchemöglichkeiten – einschließlich der Darstellung von Ergebnissen im Kartenbild – als beispielhaft gewürdigt.


Die Tagung und ihre Beiträge zeigten die Onomastik als einen komplexen Wissenschaftszweig, mit dem mehr Disziplinen Schnittmengen haben, als vielleicht erwartet. Personen- und Ortsnamen sind als älteste Sprachdenkmäler ein besonderes wertvolles Gut, das zu bewahren und zu erforschen für alle Epochen bis hin zur Gegenwart lohnt. Erfreulich war neben der angenehmen Tagungsatmosphäre die lebhafte Teilnahme der Studierenden auch durch eine Posterpräsentation ihrer Studienprojekte zum Thema. Den Veranstaltern gilt hierfür ein besonderer Dank.
 

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