Die aufmerksamen Darmstädter Zeitungsleserinnen und -leser konnten am 16. Dezember 1880 eine ungewöhnliche Meldung aus der Zeitung erfahren: Zwei Tage zuvor war „Das Eskimomädchen Nogasak, (in deutscher Bedeutung ,junges Rennthier‘), 15 J., Heidin, Tochter des Eskimo Teggianiak (in deutscher Bedeutung ,Fuchs‘) und dessen Weib Beango, aus Nakwak, im Lande Labrador“ – so war es den standesamtlichen Nachrichten zu entnehmen – in der Stadt gestorben.
Das Schicksal der jungen Inuk berührte offenbar Viele. „Tausende Menschen strömten“ auf den Friedhof, um an der Beisetzung teilzunehmen. „Es war eine kurze, schlichte, aber jeden Fühlenden tief ergreifende Feier“, wie das Darmstädter Tagblatt berichtete. Da Noggasak „Heidin“ war, „sprach nur der Todtengräber am Grab ein Vaterunser“. Die Zeitung nutzte die Gelegenheit, um ihre Leserschaft über die Bestattungsriten der Inuit zu informieren, die „ihre Todten über der Erde“ einbalsamiert und „in hockender Stellung“ bestatteten. In Darmstadt, wo nur ein „gewöhnliches Reihengrab“ zu Verfügung stand, war das nicht möglich, es wurde den Eltern jedoch gestattet, „die Leiche in Felle und einen Pelz einzuschlagen, in welcher Umhüllung dieselbe denn auch in den Sarg gelegt worden ist.“ Der Friedhof war nun „um eine interessante Grabstätte reicher.“
Noggasak war zusammen mit ihren Eltern und einer weiteren Familie am 24. September 1880 in Hamburg angekommen. Der Norweger Johan Adrian Jacobsen (1853–1947) hatte die achtköpfige Gruppe in Neufundland im Auftrag des Hamburger Tierparkbetreibers Carl Hagenbeck (1844–1913) angeworben. Hagenbeck hatte sich mit seinen „Völkerschauen“, die indigene Menschen in „authentischen“ Inszenierungen zur Schau stellte, in ganz Europa einen Namen gemacht.
Jacobsens Reise war für ihn von Anfang an von Problemen überschattet. In Grönland verweigerten die Behörden die Ausreise dort lebender Inuit und nach der Weiterfahrt nach Kanada sprachen sich die dortigen deutschsprachigen Missionare ebenfalls gegen eine Reise der Bewohner nach Europa aus. Dennoch gelang es ihm, den 35-jährigen Abraham Ulrikab zunächst als Übersetzer zu engagieren und schließlich ihn und seine Familie sowie die Familie Noggasaks anzuwerben. Abraham hatte Schulden bei den Missionaren und sah das Engagement vermutlich als Gelegenheit, diese zurückzahlen zu können. Am 26. August 1880 machte sich Jacobsen mit den Inuit auf den Rückweg nach Hamburg. Nach der Ankunft in Hamburg unterlief ihm jedoch ein folgenschwerer Fehler: Da er selbst erkrankt war und ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, versäumte er es, die Inuit impfen zu lassen.
Nach Stationen in Hamburg, Berlin und Prag erreichte die Gruppe Ende November Frankfurt am Main – gerade rechtzeitig, um noch in der Volkszählung vom 1. Dezember 1880 berücksichtigt zu werden, „Den Vorständen der beiden Eskimofamilien“ wurden die Zählkarten zugestellt und in der Zählerliste „vorübergehend sich aufhaltend“ vermerkt. Als Beruf der Männer wurde „Seehundsjagd“ angegeben.
Die Familien waren im Frankfurter Zoologischen Garten „zur Besichtigung ausgestellt“. Dort bewohnten sie zwei Hütten, die „genau nach dem Modelle ihrer heimathlichen Wohnungen ausgeführt“ waren und in denen sie dem Publikum ihren Alltag präsentieren sollten. Die Frankfurter Nachrichten beschrieben Abraham als den „intelligenteste[n] von Allen, wenn auch keineswegs der Schönste oder besser gesagt, der am wenigsten Häßliche der Gesellschaft“. Abrahams Familie war christlich und daher für die Besucherinnen und Besucher weniger interessant, da sie beispielsweise bevorzugt europäische Kleidung trug. „Nur mit Mühe konnte man die Angehörigen der Familie Abraham dazu bewegen, während ihres Aufenthaltes in Europa zu der Väter Sitte zurückzukehren“, schrieb die Zeitung. Im Gegensatz dazu stand Noggasaks Familie, „da die Kultur an ihrer Ursprünglichkeit noch nicht allzuviel verwischt hat.“ Ihr Vater betrieb nebenbei noch das „Geschäft eines Zauberers“, ihre Mutter sei „das vollendete Muster aller weiblichen Häßlichkeit, dabei soll sie aber im Gegensatz zu Frau Noggasak, ihrer Tochter, welche große Stupidität nachgesagt wird, eine Dame von nicht unbedeutenden Mutterwitz sein“, so die Frankfurter Nachrichten.
Abraham, der lesen und schreiben konnte und auf der Reise Tagebuch führte, notierte, dass sie in Frankfurt – „wo es viele Menschen hat“ und „sehr viele Juden, die Katholiken werden dort sehr verachtet groß“ – Tag und Nacht von Soldaten bewacht wurden. Sie seien dort oft Kajak gefahren, „sogar auf dem Teiche“. Tausende besuchten die Schau in Frankfurt, Schulklassen kamen aus der Stadt und dem Umland, um die „Eskimos“ zu sehen. Aber nicht nur das Frankfurter Publikum sollte in der Lebensweise der Inuit unterrichtet werden, auch die „Truppe von Eskimos aus Labrador“ gab einen „sensationellen Beweis ihres Bildungsbedürfnisses“, indem Abraham, seine Frau Ulrike und der sie begleitende Tobias (der ein „ewig lächelndes, thranglänzendes Vollmondgesicht zur Schau stellte“) sich im Frankfurter Opernhaus Lohengrin ansahen. Sie hatten sich „in europäische Kleidung gehüllt, was die drollige Erscheinung der kleinen gutartigen Leute nur erhöhte“, schrieb die Frankfurter Zeitung.
Von Frankfurt ging es nach Darmstadt, wo die Gruppe vom 13. bis zum 15. Dezember im „Skating Rink“, einer Rollschuhbahn, gastieren sollte. Abraham notierte, dass sie dort „ein schönes Haus gehabt in einem schönen gr. runden Hause, welches ein Spielplatz ist zum Schlittschuhlaufen mit Rädern. Dort sind wir oft im Innern des Hauses rings herum Schlitten gefahren, wir alle drauf sitzend.“ Aber schon nach kurzer Zeit erkrankte Noggasak und starb „sehr schnell u. schrecklich groß leidend“.
Zwar blieb in Darmstadt noch Zeit für die Beisetzung, aber schon am nächsten Tag mussten die beiden Familien nach Krefeld weiterreisen. Dort nahm das Unheil endgültig seinen Lauf: Noggasaks Mutter starb ebenfalls und Abrahams kleine Tochter erkrankte. Trotzdem mussten die Angehörigen das Mädchen zurücklassen und nach Paris fahren, wo Jacobsen am Neujahrstag für alle eine Pockenimpfung veranlasste. Aber es war zu spät. Innerhalb von wenigen Tage starben alle Inuit, als letzte Überlebende Abrahams Frau Ulrike am 16. Januar 1881.
Den ausstehenden Lohn der Verstorbenen schickte Carl Hagenbeck zusammen mit ihren Habseligkeiten nach Kanada, insgesamt 1120 Mark. Dazu gehörte auch Abrahams Tagebuch, eines der wenigen bekannten Selbstzeugnisse von Teilnehmern einer „Völkerschau“, das dort von den Herrnhuter Missionaren ins Deutsche übersetzt wurde. Das Original ist nicht überliefert.
Hagenbeck, „der allen den von ihm in den letzten Jahren uns zugeführten Naturmenschen aus dem Norden und Süden, Osten und Westen stets väterlich zugeneigt war“, war von dem Tod der Inuit so „erschüttert“, dass er noch im Januar 1881 entschlossen war, „das Zuführen derartiger ,ethnologischer lebender Bilder‘ gänzlich aufzugeben.“ Der Vorsatz hielt nicht lange. Bereits im September desselben Jahres präsentierte er „Feuerländer, Menschenfresser von der südlichsten Spitze Amerika’s“ der europäischen Öffentlichkeit.
Stefanie Funck
Quellen:
Darmstädter Tagblatt, 1.12., 11.12., 16.12., 17.12., 18.12.1880
Frankfurter Zeitung, 8.12., 11.12., 14.12., 15.12.1880
Frankfurter Nachrichten, 3.12.1880
Gießener Anzeiger, 26.1.1881
Die Reform, 9.9.1881
HStAM Bestand 901 Nr. 293Öffnet sich in einem neuen Fenster (Darmstadt, Sterbenebenregister, 1880, Nr. 915)
Hartmut Lutz (Hrsg.), Abraham Ulrikab im Zoo. Tagebuch eines Inuk 1880/1881, Wesel 2007