Mein Wunsch, Einblicke in die Arbeit eines Archivs zu erhalten, führte mich zu meinem zweiwöchigen Praktikum im Hessischen Institut für Landesgeschichte. Als mir in der Zusage mitgeteilt wurde, dass sich mein Praktikumsort auf dem Campus der Marburger Universität befindet, war ich erst etwas eingeschüchtert. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass dieses Praktikum ein Augenöffner sein würde und mir zeigt, was ich wirklich will. Aber, erst noch einmal zurück zum Anfang.
Was passiert hier überhaupt? Genauer gefragt, was steckt hinter der Arbeit und wozu soll das gut sein? Direkt zu Beginn des Praktikums wurde mir die Aufgabe anvertraut, sogenannte Hauskoordinaten für topografisch relevante Orte zur Zeit des Nationalsozialismus herauszufinden. Zuerst wirkte diese Aufgabe recht trocken und mechanisch auf mich, stellte sich dann aber viel mehr als interessante und spannende Detektivarbeit heraus. Nehmen wir z. B. eine Bunkeranlage, die kurzzeitig von der Wehrmacht genutzt wurde, und sich in Cyriaxweimar befinden soll. Diese Anlage liegt außerhalb des Orts, nahe des Waldes, weshalb ich zunächst die naheliegendste, sich noch in Cyriaxweimar befindliche, Hauskoordinate wählte und dies mit einem Kommentar in der Datenbank dokumentierte, sodass zu einem späteren Zeitpunkt noch eigene Koordinate erstellt werden kann.
Noch spannender wurde es, sobald historische Veränderungen ins Spiel kamen: Straßenumbenennungen, veränderte Hausnummerierungen, oder gar das Verschwinden ganzer Bauten: Manches, was vor 80 Jahren selbstverständlich war, existiert heute schlicht nicht mehr. Um solche Probleme zu lösen, galt es, echte Recherchearbeit zu leisten: Das Abgleichen historischer Karten mit aktuellen Karten, das Durchforsten alter Ortspläne und der Vergleich von Einträgen in verschiedenen Datenbanken ermöglichte ein langsames Herantasten. Oft bedeutete dies auch, gefühlt zum hundertsten Mal neu zu googeln, bis sich endlich ein Dokument fand, das die Namensänderung belegte. Gerade dieser Prozess machte die Arbeit so spannend; wenn jeder korrekt zugeordnete Ort das Ergebnis harter Detektivarbeit war, blieben auch die Glücksgefühle nicht aus, wenn sich dann endlich eine exakte ID finden ließ.
Ein zentraler Bestandteil dieser Arbeit betraf das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen (LAGIS). In dieser digitalen Plattform werden Ortslexikon, historische Karten, Archivbestände und geografische Daten zusammengeführt. Während meines Praktikums durfte ich nicht nur Einträge und Orts-IDs zuordnen, sondern erhielt auch einen umfassenden Einblick, wie historische Topografie und digitale Kartografie miteinander verschmelzen, um Geschichte nachvollziehbar und zugänglich zu machen. Besonders faszinierend war zu sehen, wie aus vielen kleinen Einzelinformationen – etwa alten Flurkarten, Aktennotizen oder Archivquellen – ein digitales Gesamtbild entsteht, das nicht nur Forschenden, sondern auch der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Dabei wurde deutlich, dass im Hessischen Institut für Landesgeschichte nicht nur geforscht, sondern historisches Wissen aktiv aufbereitet und weitergegeben wird. Geschichte findet hier nicht in den dunklen Kellern eines Archivs statt, sondern auch am Computerbildschirm, auf digitalen Karten und in präzise verorteten Datensätzen. So kann LAGIS allen zugänglich gemacht werden. Noch ehe mein Praktikum endete, trug ich diese Informationen samt Flyern mit in die Schule, zu Klassenkamerad:innen und Freunden. Das Praktikum hat LAGIS einen neuen Fan beschert!
Natürlich war das – in meiner leider nur kurzen Praktikumszeit – nicht alles, was ich erleben durfte. An der JLU in Gießen konnte ich ein Hauptseminar von Herrn Prof. Dr. Ritzerfeld besuchen, in dem ich viel über Siegel und die Besiegelung von Dokumenten im Mittelalter lernte. Außerdem nahm ich an einem geschichtswissenschaftlichen Kolloquium teil. Dabei reichten die Themen von Archäologie in Hessen bis hin zu Gräfin Ursula zu Nassau-Hadamar (1598–1638). Ich erhielt Einblicke in Themen, von denen ich nie zuvor gehört hatte, und mein Interesse an ganz unterschiedlichen Epochen und Fragestellungen wurde geweckt.
Mein Praktikum war nicht nur ein einfaches „Schülerschnuppern“ in einen Berufszweig, es ermöglichte mir einen intensiven Einblick in das Arbeiten mit Geschichte in Verbindung mit Geografie und digitaler Kartografie sowie die Erkenntnis, wie viel Detektivarbeit sich hinter historischer Forschung verbergen kann. Zwischen Karten, Koordinaten und Geschichte konnte ich mich in meine Zukunftswünsche einfühlen und erkennen, dass es nicht nur bei Wünschen bleiben soll!
An dieser Stelle ein abschließender Dank an alle, die mich während meines Praktikums betreut, angeleitet und unterstützt haben. Es war mir eine Freude!